Vereinshistorie
Die Anfänge einer Göttinger Fußballtradition
Der Name Göttingen 05 steht seit 1905 für Fußball- und Sportgeschichte in Südniedersachsen. Am 30. Juni 1905 gründeten einige höhere Schüler in der Gaststätte „Zum Anker“ mit dem Göttinger FC 05 den ersten Fußballverein der Stadt. Der Verein entstand als Nachfolger eines bereits 1898 gegründeten Göttinger Fußball-Clubs und gehörte zunächst dem Westdeutschen Spiel-Verband an.
Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich 05 zu einer festen Größe im regionalen Fußball. Die Mannschaft, die ab 1920 unter dem Namen VfR 05 Göttingen spielte, gewann noch im selben Jahr die Meisterschaft der Kreisliga Südhannover. Am 27. Mai 1921 erhielt der Verein schließlich seinen bis heute traditionsreichen Namen: 1. SC Göttingen 05.
Mit der Eröffnung des Alten Maschpark-Stadions im Jahr 1926 begann eine neue Phase der Vereinsgeschichte. In den folgenden Jahren etablierte sich Göttingen 05 als einer der bedeutenden Klubs Norddeutschlands und spielte erfolgreich gegen Vereine wie Werder Bremen, Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Anfang der 1930er Jahre rückte sogar die Teilnahme an der westdeutschen Endrunde in greifbare Nähe.
Göttingen 05 in der NS-Zeit (1933–1945)
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde auch der Fußball neu organisiert. Der 1. SC Göttingen 05 wurde in die Gauliga Niedersachsen aufgenommen, pendelte in den folgenden Jahren jedoch zwischen den Spielklassen. Erst 1940 gelang der Wiederaufstieg. Für die Saison 1944/45 war eine Spielklasse für den Großraum Göttingen geplant, an der auch der 1. SC 05 teilnehmen sollte. Aufgrund des Zweiten Weltkriegs wurde der Spielbetrieb jedoch nicht mehr regulär durchgeführt.
Die Zeit des Nationalsozialismus stellt zugleich ein belastendes Kapitel der Vereinsgeschichte dar. Wie viele Sportvereine passte sich auch Göttingen 05 den politischen Vorgaben an. Strukturelle Veränderungen, die Einführung des Führerprinzips und die Anpassung der Satzung wurden umgesetzt und öffentlich legitimiert. Besonders schwer wiegt der Ausschluss jüdischer Mitglieder, die damit einen wichtigen Teil ihres sozialen Umfeldes verloren.
Der Verein verstand sich damals als „unpolitisch“ und staatstreu – eine Haltung, die die Anpassung an das NS-System erleichterte. Erst viele Jahre später begann die kritische historische Aufarbeitung dieser Vergangenheit. Heute dient diese Erinnerung als Mahnung und verpflichtet uns, Verantwortung zu übernehmen, Diskriminierung entschieden entgegenzutreten und die eigene Geschichte nicht zu beschönigen.
Oberliga, Maschpark und die „Rebellenelf“ (1945–1974)
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste sich der Verein zunächst neu organisieren und trat vorübergehend unter dem Namen Schwarz-Gelb Göttingen an, ehe der traditionsreiche Vereinsname zurückkehrte.
In der Oberliga Nord etablierte sich Göttingen 05 schnell als feste Größe und spielte bis 1958 in der höchsten deutschen Spielklasse. Im Alten Maschpark begeisterte der Verein regelmäßig zehntausende Zuschauer*innen und erreichte durchschnittlich mehr als 11.000 Besucher pro Heimspiel – bis heute Vereinsrekord. Spieler wie Günter Schlegel prägten diese erfolgreiche Zeit nachhaltig.
In den 1960er Jahren folgte unter Trainer Fritz Rebell eine weitere sportlich herausragende Phase. Die als „Rebellenelf“ bekannt gewordene Mannschaft gehörte zur Spitzengruppe der Regionalliga Nord und spielte zwischen 1966 und 1968 mehrfach um den Aufstieg in die Bundesliga.
Mit dem Umzug vom Alten Maschpark in das Jahnstadion und später in den Neuen Maschpark begann zugleich eine neue Ära der Vereinsgeschichte.
Profifußball und große Pokalnächte (1974–1989)
Als Gründungsmitglied der 2. Bundesliga gehörte Göttingen 05 ab 1974 erneut zum deutschen Profifußball. Die Mannschaft führte die Liga zwischenzeitlich sogar an und feierte in den folgenden Jahren weitere sportliche Höhepunkte – darunter den Wiederaufstieg 1980 sowie mehrere erfolgreiche Auftritte im DFB-Pokal.
Besonders in Erinnerung geblieben ist das Viertelfinale des DFB-Pokals 1981/82 gegen den Hamburger SV vor mehr als 23.000 Zuschauer*innen. Auch der 4:2-Erfolg gegen Eintracht Frankfurt im Jahr 1984 zählt zu den großen Pokalabenden der Vereinsgeschichte.
Mit dem Verpassen der Qualifikation für die eingleisige 2. Bundesliga endete 1981 jedoch zunächst die Zeit im Profifußball.
Mehr als nur Fußball
Neben dem Fußball prägten über viele Jahrzehnte auch andere Sportarten das Bild des Vereins. Besonders erfolgreich war die Basketballabteilung: Die Frauenmannschaft gehörte in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren zu den besten Teams Deutschlands und gewann fünf deutsche Meisterschaften sowie 1973 den ersten deutschen Pokal.
Auch die Handballabteilung erlebte eine erfolgreiche Phase. Höhepunkt war der Aufstieg in die 2. Handball-Bundesliga im Jahr 1989. Anfang der 1990er Jahre erreichte die Mannschaft mit einem vierten Platz ihre beste Platzierung.
Ergänzt wurde das sportliche Profil des Vereins durch die Abteilungen Leichtathletik und Boxen, die über viele Jahre zur Vielfalt des Vereinslebens und zur starken Verwurzelung in der Stadtgesellschaft beitrugen. Göttingen 05 verstand sich stets als Mehrspartenverein, der sportliche Leistung, Gemeinschaft und Identifikation miteinander verband.
Krisen und Insolvenz (1990–2003)
Die 1990er Jahre waren geprägt von sportlichen Höhen und tiefen finanziellen Krisen. 1995 stieg Göttingen 05 erstmals in seiner Vereinsgeschichte aus der dritten Liga ab. Mit einer stark verjüngten Mannschaft aus regionalen Talenten startete der Verein in die Viertklassigkeit – und wurde trotz großer Geldnot Vizemeister, ehe im Februar 1996 ein drohender Konkurs nur durch das Eingreifen einiger Gönner verhindert werden konnte.
Um 2000 trat eine Investorengruppe auf, hinter der der Kinowelt-Gründer Michael Kölmel stand, der einst in Göttingen studiert hatte. Der Verein wurde entschuldet, teure Spieler wurden verpflichtet. Sportlich lief es: 2001 gewann die Mannschaft die Meisterschaft und den Aufstieg – vier Tage vor dem ersten Aufstiegsspiel musste jedoch Insolvenz angemeldet werden. Das Rückspiel gegen Holstein Kiel gewannen die Göttinger vor 7.000 Zuschauer*innen mit 3:0, sportlich wäre der Aufstieg gesichert gewesen. Der DFB verweigerte die Lizenz.
Was folgte, war eine sportliche wie finanzielle Talfahrt. Leistungsträger mussten verkauft werden, der Abstieg kam, das Insolvenzverfahren zog sich hin. Am 27. September 2003 trat die Mannschaft zum letzten Meisterschaftsspiel an – neun Tage nach dem Beschluss der Gläubigerversammlung, den Insolvenzplan abzulehnen. Danach wurde der Verein aufgelöst. Eine Zäsur, die den Verein bis heute prägt.
Der Neuanfang (2003–heute)
Um die Jugendarbeit zu retten, entstand zunächst der 1. FC Göttingen 05, der 2005 mit dem Kooperationspartner RSV Geismar zum RSV Göttingen 05 fusionierte. Die Benzstraße wurde zwischenzeitlich zur neuen Heimat von Göttingen 05. Schritt für Schritt entwickelte sich der Verein sportlich und organisatorisch weiter: Die Herrenmannschaft schaffte den Aufstieg bis in die Oberliga, die Zuschauerzahlen stiegen wieder an und auch die Infrastruktur wurde kontinuierlich verbessert.
Am 27. September 2012 beschloss der Vorstand einstimmig, die Fußballabteilung auszugliedern und den 1. SC Göttingen 05 neu zu gründen – mit demselben Namen, denselben Farben und demselben Selbstverständnis: ein Verein in der Tradition von Göttingen 05, fest verwurzelt in der Stadt und ihrer Fußballgeschichte.
Obwohl die Folgejahre sportlich turbulent verliefen, blieb die Strahlkraft des Namens Göttingen 05 ungebrochen. Heute spielt der Verein wieder im Maschpark, ist die Nummer 1 der Region, hat eine aktive und lebendige Fankultur sowie eine herausragende Nachwuchsarbeit.
